Mensch & Gesellschaft

Suchtmechanismen in der Radikalisierung

Die Arbeit befasst sich mit der Rolle von Suchtmechanismen in der Radikalisierung unter besonderer Berücksichtigung des Rechtsextremismus und didaktischer und pädagogischer Konsequenzen für die schulische Prävention in der Sekundarstufe I.

Kann ein menschenverachtendes und in letzter Konsequenz selbstzerstörerisches Weltbild etwas Lasterhaftes an sich haben? Könnte man das Festhalten an rassistischen, antidemokratischen und auf Feindbildern aufgebauten Ideologien und Mythen vielleicht sogar mit Mechanismen vergleichen, die aus der Abhängigkeitsthematik bekannt sind? Oder verkürzt: Können Ideologien und Mythen süchtig machen?

Diese und andere Fragen drängen sich bei der Betrachtung verschiedenster politischer Karrieren ehemaliger Nationalsozialisten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf. Das Festhalten am nationalsozialistischen Gedankengut, wie das Leugnen oder Gutheißen des industrialisierten Massenmords an Menschen, wirkt derart irrational und zwanghaft, dass Mechanismen, wie sie in der Suchtthematik zu finden sind, als Erklärungsversuche plausibel erscheinen. Es ist auf rationaler Ebene nicht nachvollziehbar, warum verurteilte Nationalsozialisten in eine einseitige Opferrolle zurückfallen, warum radikale Ideologien immer wieder salonfähig werden und sich immer wieder in der „Mitte“ der Gesellschaft ausbreiten. Welche Gründe gibt es für dieses Überdauern rechtsextremer Weltbilder?

Geht es um die grundlegende Frage, was Menschen dazu verleitet, drogenabhängig zu werden oder sich für extremistische Ideologien zu begeistern, so besteht in beiden Forschungsfeldern für sich betrachtet zumindest in diesem Punkt weitgehend Einigkeit: es ist die Suche nach Beziehung und Identität und ein Ausweg im Umgang mit Stress, Widersprüchen und Konflikten.

Menschen sind jedoch unterschiedlich von Sucht betroffen und radikalisieren sich auch auf unterschiedliche Weise. Ursachen, die den Versuch Beziehungen aufzubauen und die Entwicklung der eigenen Identität erschweren, können sehr vielschichtig sein. So war auch der Rechtsextremismus nie und ist auch heute kein Phänomen, das nur den vermeintlichen Rand der Gesellschaft betrifft.

Im Verlauf der Arbeiten werden Parallelen in der Entstehung der Phänomene „Sucht“ und „Radikalisierung“ aufgezeigt, die wichtigsten Punkte hervorgehoben und schließlich Empfehlungen für die schulische Prävention formuliert.

Als Fazit und Ergebnis der Arbeit kann festgehalten werden, dass Ideologien und Mythen per se nicht süchtig machen. Verdrängungsmechanismen und eine Unfähigkeit zu trauern sind in letzter Instanz jedoch die Hauptgründe sowohl für die Entstehung von Sucht, als auch für den Beginn des Prozesses einer Radikalisierung.

Vieles weist auf weitere sehr eindeutige Parallelen hin. Die auffälligsten Überschneidungen lassen sich neben den Ursachen in der historischen Entstehungsgeschichte und der individuellen und sozialen „Funktion“ beider vorwiegend männlicher Phänomene erkennen. Eine scharfe Eingrenzung und eine klare Bildung von Schnittmengen kann jedoch nur skizziert werden, denn die Grenzen zwischen gewaltfreier gesellschaftlicher Interaktion, kontrolliertem Konsum und politischer Gewalt bzw. zwanghaftem Drogenkonsum sind fließend.

Für die schulische Prävention ergibt sich die Schwierigkeit, dass die Folgen von Drogenmissbrauch über pathologische Symptome wie Zwangshaftigkeit, psychischem und körperlichem Verfall objektiv viel nachvollziehbarer sind, als jene von autoritären Haltungen.

Über Ideologien und kulturelle Denkmuster entstehen gesellschaftliche Zirkelbeziehungen, die manchmal nur sehr schwer zu erkennen und zu durchbrechen sind. Es ist viel schwieriger, eine Position außerhalb unhinterfragter abstrakter gesellschaftlicher Normen, einer schrittweisen Einschränkung persönlicher Freiheiten oder einer zunehmenden Partikularisierung und Polarisierung der Gesellschaft einzunehmen, als den Unterschied zwischen Abstinenz und Rausch zu erkennen.

Die selbstzerstörerische Kraft zwanghaften Verhaltens zeigt sich im Großen deshalb oft erst, wenn Krieg und Gewalt den Alltag bestimmen. Bildungspolitische und gesellschaftliche Aufgabe muss es daher sein, solche Ansätze und die Auswirkungen im Kleinen zu erkennen und zu thematisieren.

Erstens muss darum nach didaktischen Möglichkeiten gesucht werden, um Begriff der „Autorität“ selbst und seine Bedeutung im Alltag erhellen zu können.

Zweitens müssen automatisierte Erwartungshaltungen („Heilsversprechen“) hinsichtlich ihrer Ursachen dekonstruiert werden, um die damit verbundenen Folgen verdeutlichen und um somit auch einen „Zwang zum Handeln“ ableiten zu können.

Und drittens muss die selbstzerstörerische Eigendynamik von Absolutsetzungen, die Unfähigkeit zu trauern und Opferhaltungen selbst in den Mittelpunkt von Diskussionen gestellt werden. In letzter Konsequenz legen die dargestellten Parallelen nahe, dass sie mit den aus der Abhängigkeitsthematik bekannten Mechanismen verglichen werden können.

Auf diese didaktischen Möglichkeiten und Ansätze zur Dekonstruktion wird abschließend anhand konkreter Unterrichtsbeispiele eingegangen.

Autor
Gregor Friedl
Jahr
2017
Lehr- / Forschungsinstitut
Pädagogische Hochschule Wien
Fakultät
Institut für übergreifende Bildungsschwerpunkte
Kategorie
Bachelor-/Diplom-/Abschlussarbeiten
Note
1

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