Bildung & Erziehung

Bedeutung von Achtsamkeit in der familiären Kindererziehung: Eine Untersuchung zur subjektiven Sicht der Eltern

Wer kennt das nicht, das ständige Mails Checken, das geistige Durchgehen der Einkaufsliste während der Autofahrt und das gleichzeitige Entziffern der neuesten Reklameschilder, das Telefonieren während des Einkaufens, das Hören der Nachrichten während des Abwaschens, das Abwägen der Pro- und Contras des nächsten Firmenauftrages und das Helfen bei den Hausaufgaben?

Achtsam zu sein, „bei dir“ zu sein, ist, gerade in der heutigen Zeit, nicht immer einfach. Achtsamkeit bedeutet vollkommen gegenwärtig zu sein und wird auch definiert als „absichtsvolle Aufmerksamkeit auf das bewusste Erleben im gegenwärtigen Moment“. Es handelt sich dabei um die „Fähigkeit, sich des gegenwärtigen Geisteszustandes bewusst zu sein“ und die Aufmerksamkeit absichtsvoll auf den gegenwärtigen Moment zu lenken. Diese Fähigkeit spielt nicht nur eine Rolle, wenn es darum geht, beim Autofahren einen Unfall zu vermeiden, sondern auch im Umgang mit den eigenen Kindern.

Achtsamkeit ist erst seit kurzer Zeit Thema in der Erziehung. Ihre Geschichte reicht jedoch bis in das fünfte Jahrhundert v. Chr. im Nordosten Indiens zurück. Dort rief Siddharta Gautamo, Buddha genannt, die Philosophie und Meditationspraxis des Buddhismus ins Leben. Im Zentrum seiner Lehre, und somit im Mittelpunkt aller klassischen Systeme der buddhistischen Meditation, steht die Übung der Achtsamkeit. Ende der 80er-Jahre hat Jon Kabat-Zinn diese Technik der Achtsamkeit als Konzept im Rahmen eines Anti-Stressprogrammes in die Wissenschaft eingeführt und somit erstmals säkularisiert. Das Thema breitete sich seit diesem Zeitpunkt rasant aus. Seit 1990 steigen die Publikationen exponentiell, und inzwischen ist ein eigener Wissenschaftszweig zum Thema „Mindfulness“ entstanden. Dennoch wurde das Thema in der Erziehung(-swissenschaft) bisher noch kaum aufgegriffen. Es stellen sich daher Fragen nach der Umsetzung, nach den Anwendungsmöglichkeiten und der Wirksamkeit von Achtsamkeit in der Familie und Erziehung. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die Untersuchung der Perspektive der Eltern. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet: Welche subjektive Bedeutung messen Eltern Achtsamkeit in der innerfamiliären Kindererziehung bei? Die Forschungsfrage zielt einerseits auf eine Rekonstruktion des subjektiven Begriffsverständnisses, das Eltern von Achtsamkeit haben, und andererseits auf die Rekonstruktion des Sinnes und der Bedeutsamkeit bzw. des Stellenwertes von Achtsamkeit in der Kindererziehung.

In der Arbeit wird deutlich, dass Achtsamkeit in der Kindererziehung von Eltern als wichtig eingeschätzt wird. Die Interviews mit Eltern widerspiegeln die begrifflichen Unsicherheiten, mit denen das Thema Achtsamkeit generell und v.a. im Kontext der Erziehung(-swissenschaft) konfrontiert ist. Im Rahmen dieser Arbeit wird aufgrund vorliegender Theorien u.a. aus der buddhistischen Tradition eine eigene Definition für Achtsamkeit in der Kindererziehung vorgeschlagen. Durch die Analyse der Daten ergeben sich ausserdem folgende zwei Dimensionen: Achtsame Wahrnehmung und achtsamer Umgang.

Dieses Begriffsmodell harmoniert mit anderen im Rahmen der Arbeit vorgestellten Modellen, wie beispielsweise dem von Duncan et al. (2009). Weitere Übereistimmungen und Anschlussmöglichkeiten finden sich an die Bindungstheorie, insbesondere mit den Voraussetzungen von Bindungssicherheit.
In weiteren Untersuchungen könnte einem neuen Modell von Achtsamkeit in der Kindererziehung, in dem Feinfühligkeit und emotionale Verfügbarkeit zentrale Komponenten darstellen, nachgegangen werden. Ausserdem stellt sich die noch zu prüfende Frage, ob eine erhöhte Achtsamkeit somit auch zu einer höheren Bindungssicherheit führt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die unterschiedliche Umsetzung von Achtsamkeit nicht auf die Einstellung oder Bewertung des Themas zurückzuführen ist. Stattdessen zeigt sich ein Zusammenhang zwischen der Umsetzung von Achtsamkeit in der Kindererziehung und Zeit. Es wird deutlich, dass Achtsamkeit in der Kindererziehung nicht von der Umwelt isoliert betrachtet werden kann. Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass zum einen strukturelle Merkmale und zum anderen Merkmale auf persönlicher Ebene mit Achtsamkeit zusammenhängen. Daraus folgert die Forscherin, dass die Verantwortung sowohl den Eltern, aber auch der Gesellschaft als Ganzes zufällt. Möglicherweise können also durch Achtsamkeitstrainings, wie das MBSR, die Kompetenzen und Ressourcen der Eltern zugunsten einer höheren Achtsamkeit gegenüber dem Kind verändert werden, gleichzeitig müssen aber auch strukturell günstige Bedingungen für die ganze Familie geschaffen werden.

Autor
Sonja Gross
Jahr
2015
Lehr- / Forschungsinstitut
Universität Zürich
Fakultät
Philosophische Fakultät, Institut für Erziehungswissenschaft
Kategorie
Lizentiats-/Magister-/Masterarbeiten
Note
5.50

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